Krähen verheißen bekanntlich nichts Gutes. Daher ist es wohl auch nicht sonderlich verwunderlich, dass sich dieser pechschwarze Vogel nach einem ausgiebigen Rundflug schließlich auf dem schmiedeeisernen Tor niederlässt. Er senkt den Kopf, als versuche er, die Inschrift zu entziffern. Was sich das Tier wohl bei der charakteristischen Parole „ARBEIT MACHT FREI“ denkt?
„Was verbindet ihr mit dem Begriff ,Konzentrationslager‘?“, lautet die erste Frage, die uns am Vormittag von unseren Gruppenleitern des Max-Mannheimer-Studienzentrums in den vorbereitenden Workshops gestellt wird. Denn bevor wir wirklich durch das Tor treten konnten, sollten wir noch einmal die Gelegenheit bekommen, uns mit dem Schrecken des Nationalsozialismus in einem anderen Rahmen auseinanderzusetzen. Im warmen, lichtdurchfluteten Seminarraum des Max-Mannheimer-Hauses bekommen wir einen tieferen Einblick in das Schicksal der KZ-Insassen durch Fotos, Zeichnungen und Kurz-Biografien wie zum Beispiel von Ärztin Ella Lingens oder Sinto-Boxer Jacob Bamberger. Bei der Gestaltung von Plakaten oder Nachstellung von Interviews reifen die gesichtslosen Massen immer mehr zu individuellen Leidensgeschichten heran. Was uns besonders betroffen hat? Dass das Grauen auch direkt vor unserer Haustür stattgefunden hat, genauer gesagt im KZ Außenlager Neufahrn/Eching.
Aber jetzt erstmal genug vom Drama: Auf zum Mittagessen!
Nach einer ausgiebigen Stärkung und einem kurzen Fußmarsch unter blühenden Linden erreichen wir schlussendlich das besagte Tor. Wir treten hindurch und werden von der Weite dieses Platzes überwältigt. Doch eines passt nicht ins Bild: Die gleißenden Sonnenstrahlen werden von dem hellen Kiesboden zurückgeworfen, als wüsste das Wetter nicht, was sich an diesem geschichtsträchtigen Ort einst zugetragen hat. Wir folgen dem Weg, den Tausende von Menschen vor uns schon beschritten haben, allerdings ohne die schreckliche Ungewissheit, was mit uns passieren wird. Im Schubraum bekommen wir ein deutliches Bild von den entwürdigenden Zuständen, die hier geherrscht haben, als sich die Häftlinge vor allen anderen nackt ausziehen mussten und wie am Fließband abgefertigt wurden. In der darauffolgenden Waschanlage, die zugleich als Folterkammer fungierte, nahm das Grauen seinen Lauf: Mit Hunderten anderen Gefangen einmal pro Woche für eine halbe Minute duschen. Das ist vor allem für die Mädchen unter uns schier unvorstellbar. Die vollkommende Willkür des Wachpersonals zeigte sich aber vor allem in den Bestrafungen:
Stell dir vor, du arbeitest den ganzen Tag im Steinbruch und am Ende des Tages bist du den Launen eines SS-Wachmanns ausgeliefert, dem deine Schuhe zu dreckig sind und du bekommst als Strafe 25 Stockhiebe. Am nächsten Tag hast du als Einziger saubere Schuhe, doch du wirst von einem anderen Wachmann genau dafür bestraft, da du nach der zermürbenden Arbeit unmöglich so saubere Schuhe haben kannst. Dafür bekommst du erneut 25 Stockhiebe. Oder noch einige mehr, wenn der Wachmann einen schlechten Tag hat.
Weiter geht es zum Bunker, den wir auf eigene Faust erkunden sollen. Von den „harmloseren“ Isolationszellen über die Dunkelzellen bis hin zu den engen, quadratischen Stehzellen gab es eine große Bandbreite an Möglichkeiten, wie die Häftlinge an ihre psychischen Grenzen gebracht wurden. Zusätzlich wurden die Heizungen an den Außenwänden gezielt für die Folterung eingesetzt, sodass es im Sommer einer Sauna und im Winter einer Gefriertruhe glich.
Auf dem Weg zu den Baracken kommen wir an den Denkmälern vorbei. Die ausgemergelten, verschlungenen Körper stechen uns sofort ins Auge, doch allzu viel Zeit zur Betrachtung bleibt uns nicht, denn nun betreten wir die zur Erholung gedachten Schlafräume, in denen der Aufenthalt jedoch von Jahr zu Jahr zur größeren Qual wurde. Wir gehen von Raum zu Raum. Mit jedem neuen Zimmer gelangen wir in einen anderen Zeitabschnitt und dabei wird der Platz immer beengter, die Privatsphäre immer weniger.
Die letzte Station unseres Tagesausfluges ist das Krematorium neben der sogenannten „Baracke X“, in der sich auch die Gaskammer befindet, die den Todgeweihten als „Brausebad“ angekündigt wurde. In dem kalten und dunklen Raum scheinen die Wände immer näher zu kommen. Draußen jedoch scheint die Sonne weiter und bestrahlt die mit Blumen besetzte Gedenkstatue, die als Erinnerungsort und Hoffnungsträger gedacht ist. Ein ausgemergelter Häftling in einem Arbeitsanzug steht mit hocherhobenem Haupt und den Händen in der Tasche auf einem Sockel. Er blickt auf uns herab wie der endgültige Sieger dieses Kampfes, in dem es doch nur Verlierer gab.

„Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Mahnung“

Die Krähe verlässt mit uns die KZ Gedenkstätte und fliegt mit weit ausgebreiteten Flügeln davon, um die Geschichte dieses Ortes in die Welt hinauszutragen. Im internen Bereich anmelden, um weiterzulesen.

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