Es ist Nacht. Vor uns liegt die beleuchtete Skyline von Berlin. Der Fernsehturm ragt in den Himmel hinein, es fehlt nicht viel und er würde die Wolken berühren. U-Bahnen kommen und gehen. Die Stadt lebt, obwohl es schon fast Mitternacht ist. Die ganze Szene spiegelt sich im dunklen Wasser der Spree. Wir sitzen auf einer Bank an ihrem Ufer, der kalte Wind fährt uns durch die Kleidung, die Bank unter uns ist nass, das Bier in unseren Händen ist eigentlich viel zu kalt für das Wetter, aber das ist uns in diesem Moment egal. In diesem Moment sind wir uns sicher: So fühlt sich Freiheit an.

Es ist faszinierend, dass man so empfinden kann, nachdem man gemeinsam einen ganzen Tag für die Zukunft von Deutschlands Bildung gearbeitet hat. Bei einer Konferenz zur Bildung und Digitalisierung. Ich will es nicht schön reden: Die Tage in Berlin waren anstrengend.

Von 8 bis 20 Uhr arbeiten? Das ist schlimmer als Schule. Na ja, es gab bessere Snacks. Sogar sehr gute. Man muss sagen: Deutschlands 38 Werkstattschulen speisen sehr exquisit.

Aber es gibt nicht so oft die Möglichkeit für uns Schüler in Deutschlands, Bildungspolitik mitzugestalten. Auch wenn ich uns zu Anfang nur für bessere Alibis gehalten habe, die allen das Gefühl vermitteln sollten: „Seht, da sind Schüler, die lassen wir sogar auch was machen", musste ich dieses Vorurteil am Ende zurücknehmen.

Vier Tage und drei Nächte in der aufregendsten Stadt Deutschlands, wer würde dazu nein sagen? Dazu noch drei Tage schulfrei, die Reise nach Berlin schien nur Vorteile für uns Schüler zu haben. Plus: Ausgang bis Mitternacht. Auch wenn das in Berlin noch nicht für einen anständigen Clubbesuch reicht, durchaus ein weiteres Argument. Die Lehrer waren immerhin in einem anderen Hotel untergebracht. Ärger also ausgeschlossen.

25 Schüler im Alter von 14 bis 19 aus ganz Deutschland versammelt in einem Hotel mitten in der Hauptstadt. – Klar, dass man sich dabei nicht nur über Digitalisierung ausgetauscht hat. Zumindest außerhalb der Programmstunden. Doch auch diese hatten durchaus Unterhaltungswert. Nun wurden wir endlich darüber aufgeklärt, worum es auf dieser ominösen Konferenz überhaupt gehen sollte und worin unsere Aufgabe bei dem Ganzen lag. Zu unseren Vorbereitungstreffen hatte übrigens niemand Zutritt außer uns Schülern, egal wie sehr die hohen Tiere der Konferenz es auch versuchten. Hier konnten wir Plakate erstellen, die unsere Meinung über die unterschiedlichen Bereiche der Digitalisierung ausdrücken sollten. Hier schrieben wir auch unsere finale Rede zu diesem Thema.

Während der Rest der Gruppe der furiosen Podiumsdiskussion lauschte, die von einigen live auf der Leinwand gezeigten Kommentaren, wie z.B. „Jetzt hilft nur noch auf die Unendlichkeit zu forcieren", bereichert wurde, erarbeitete eine kleine Gruppe aus fünf Leuten den Vortrag. Es ging um Profilierung der Politik auf Kosten der Schüler, Fortbildungen für überforderte Lehrkräfte, Zusammenhalt zwischen den unterschiedlichen Schulen und darum, dass endlich angepackt und nicht nur geredet wird.

Ich weiß nicht, ob irgendjemand die Dinge, die wir gesagt haben, berücksichtigen wird. Gehört hat sie jeder, der auf dieser Konferenz war. Wir haben unsere Meinung kundgetan, ob sie berücksichtigt wird, entscheiden andere.

Doch das, was mir am meisten im Gedächtnis bleiben wird, spielte sich natürlich außerhalb der Mauern der Konferenzhalle ab. Da ist der Abend, als wir in Berlin Kreuzberg auf der Suche nach einem Secondhandshop verloren gingen und dann gebackene Bananen geschenkt bekamen, weil wir so verzweifelt aussahen. Oder als wir von einem Sicherheitsmann, der uns die ganze Zeit schweigend und unbemerkt beim Philosophieren beobachtet hatte, per Lautsprecher angewiesen wurden, unseren Müll mitzunehmen. Oder das Shoppen von typisch Berliner Make-up, vor allem grüner Mascara und blauen Eyelinern. Oder das Herausschleichen aus dem Hotel am letzten Abend. In Berlin ist selbst nachts um zwei noch mehr los als in München um Mitternacht. Oder einfach nur das nächtliche Musikhören auf dem Alexanderplatz.

Kurzgefasst: Diese Fahrt war ein Erlebnis. Ich habe Leute getroffen, die ich wahrscheinlich nirgendwo sonst getroffen hätte. Betrunkene, die sich besser ausdrücken, als ich es nüchtern je können werde, und Menschen, die für eine Person, die sie erst drei Tage kennen, quer durch das nächtliche Berlin laufen, um sie vor ihrer unglaublichen Orientierungslosigkeit zu schützen.

Ich bin mit dem Vorsatz nach Berlin gekommen, so viel Spaß wie möglich und so viel Arbeit wie nötig zu haben. Den ersten habe ich sicherlich eingehalten, den zweiten bestimmt nicht. Am Ende habe ich eine Rede vor 400 Menschen aus Deutschlands Führungsebene gehalten. Ich denke, das zeigt, was Schüler tun, wenn man ihnen den Freiraum lässt, sich zu entfalten. Denn egal wie viel Scheiße sie nebenbei bauen, ihre Meinung ist es, die Konferenzen wie eben jene in Berlin besonders wertvoll macht.

Unser Vortrag wird den Politikern und Lehrern sicherlich solange im Gedächtnis bleiben wie mir die Tage in Berlin, denn wenn eine Stadt, viele verschiedene Meinungen, ein gemeinsamer Geist und viel Lebens- und Gestaltungsfreude zusammenkommen, entsteht etwas Wundervolles – man nennt dies auch „Gemeinschaft“. Und die ist unvergesslich.

Anna Pflügler, Q11

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