Gesellschaftswissenschaften

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"Geschichte frei Haus!" - Ausstellung zur Revolution 1918/19 in Bayern

„Mach ma hoit a Revoluzion", heißt eine der beiden Geschichten Oskar Maria Grafs über die Münchner Revolution von 1918. Sie wurde 1968 in deutschen Zeitungen, also ein Jahr nach seinem Tod in New York veröffentlicht. – Übersetzungshilfe für „Nicht-Bayern“: „Dann machen wir eben eine Revolution“. (Zur Literaturkritik geht’s hier: )

Gemeint ist die Revolution 1918/19. Sie ist von Bedeutung, denn schließlich endet damit die Monarchie im Deutschen Reich und in anderen deutschen Ländern. So auch in Bayern.

Davon weiß auch Oskar Maria Graf zu erzählen. In einer Geschichte heißt es: „So um dö Augustmittn anno 1918 is’s aa bei üns in Bayern langsam rebellisch wordn. Da damalige Weltkrieg hot z‘lang daurt, und jeda Mensch hot scho hoibwegs gspannt, daß er für uns verlorn is.“ – Übersetzungshilfe: „So um die Augustmitte des Jahres 1918 ist es auch bei uns in Bayern langsam rebellisch geworden. Der damalige Weltkrieg hat zu lang gedauert, und jeder Mensch hat schon halbwegs gemerkt, dass er für uns verloren ist.“

Der Schriftsteller weiß, von was er erzählt. Schließlich war er dabei, auf der Münchner Theresienwiese. Von dort aus ging der Revolutionszug los in Richtung Landtag.

Die Schülerinnen und Schüler des Oskar-Maria-Graf-Gymnasiums sowie auch Eltern haben derzeit Gelegenheit, sich mit den Ereignissen in Bayern auseinanderzusetzen. Dort können sie „im Graben“ die Ausstellung „Revolution 1918/19“ besuchen.

Die Plakatausstellung kommt vom Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg. „Geschichte frei Haus!“ heißt die Reihe.

Die Ausstellung wurde für den Unterricht sowie anlässlich des 30-jährigen Bestehens unserer Schule von der Fachschaft Geschichte mit Arbeitsaufträgen aufbereitet und vielfältig ergänzt. So finden Interessierte QR-Codes mit Zusatzinformationen und LearningApps. Sie können sich mit verschiedenen Plakaten und Karikaturen auseinandersetzen. Auch Oskar Maria Graf schildert seine Eindrücke. (Lesetipp: "Wir sind Gefangene")

Die Ereignisse sind durchaus turbulent. Schließlich ist Bayern das erste Land, in dem die Monarchie gestürzt wird. Am 7.November 1918 rief Kurt Eisner den „Freistaat Bayern“ aus – zwei Tage vor Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht in Berlin. Damit war der Weg frei für die Demokratie. Aber wie auch in Berlin stellte sich die Frage: Welche Art? Um diese Frage entbrannte auch in Bayern ein Bürgerkrieg, der sich mehr und mehr radikalisierte. Die „Revolution“ fand ein blutiges Ende.

Nutzt gerne die Gelegenheit, mehr über die turbulenten Ereignisse von 1918/19 zu erfahren!

In der Folgezeit gaben Republikfeinde den Ton an. Antirevolutionäre Propaganda wirkte noch lange nach. Bayern wurde zum „Sammelbecken“ nationalistischer, rechtsextremer Gruppierungen. Das hatte mit dem Aufstieg der NSDAP, der Partei von Adolf Hitler, Folgen für ganz Deutschland.

Und auch für Oskar Maria Graf.

Seine Worte „Verbrennt mich!“ gehen in die Geschichte ein. Damit protestierte der linke bayerische Schriftsteller dagegen, dass seine Werke bei der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten verschont wurden.

Das ist das nächste Kapitel in der deutschen und der bayerischen Geschichte - und in Oskar Maria Grafs Leben.


Über Oskar Maria Graf: Hier geht's zu einem Artikel anlässlich des 50. Todestages von Oskar Maria Graf. (Süddeutsche Zeitung) Hier geht's zur Seite der Oskar Maria Graf Gesellschaft.

Über die Ereignisse 1918/19 in Bayern: Hintergründe zur Revolution in Bayern gibt's auch noch hier und hier - Aber am besten: Zur Ausstellung in den "Graben" kommen!

I. Schneider (für die Fachschaft Geschichte)

Abba Naor am OMG

Am 27. Juni 2022 erzählte Abba Naor, ein Überlebender des Holocausts, 200 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 und 10 von seiner erschütternden Geschichte. Zum siebten Mal kam der 94-Jährige an das Oskar-Maria-Graf Gymnasium in Neufahrn, um über die Ereignisse der Zeit des Nationalsozialismus aufzuklären. Dies war eine einmalige Erfahrung für uns Schülerinnen und Schüler, welche wir so schnell nicht mehr vergessen werden.

Zu Beginn der vierten Schulstunde traf Herr Naor mit etwas Verspätung aufgrund des G7-Gipfels in der Aula des OMGs ein. Die Geschichtslehrerin Frau Schauz begrüßte den Gast mit einleitenden Worten vor dem aktuellen Hintergrund der Dokumenta 15, die gleich zu Beginn für einen Skandal gesorgt hatte und bereits als Antisemitismus-Documenta bekannt ist. Antisemitismus ist auch 2022 ein aktuelles Problem, weshalb es wichtig ist, den wieder zunehmenden antisemitischen Tendenzen in der Gesellschaft entgegenzuwirken und aus der Geschichte zu lernen.

Anschließend wurde das Wort an Abba Naor übergeben, der ebenfalls kurz auf den Antisemitismus in der Gegenwart zu sprechen kam und seine Ängste zum Ausdruck brachte. Jedoch machte er auch deutlich, dass er an uns und die zukünftige Generation glaubt.

Nach dieser Einführung in die Veranstaltung begann er seine Geschichte zu erzählen. Angefangen bei seiner unbeschwerten Kindheit in Litauen, begann sich das Leben mit dem Einmasch der Deutschen in Polen 1939 und der Besetzung Litauens durch die Sowjetunion nach und nach zu ändern. Er erzählte von der Flucht seiner Familie mit drei Kindern, von Angst, Anfeindungen, ersten Übergriffen auf Juden und Hunger. Als der Befehl kam, alles zurückzulassen, kam die gesamte Familie in ein Ghetto, wo sich Familien Wohnungen teilen mussten. Zunächst schien die Umzäunung des Ghettos eine Erleichterung für die dort lebenden Menschen, da sie es als Schutz vor den Gegnern gesehen haben. Zwei Wochen vor der endgültigen Schließung des Zauns schickten viele Familien ihre Kinder los um einzukaufen, aus Angst, Männer und Frauen würden erschossen werden. An diesem Tag ließen 26 Kinder ihr Leben, darunter Abba Naors ältester Bruder.

Da die Verpflegung für die Familien nicht ausreichend war, gingen alle Kinder ab dem 15. Lebensjahr arbeiten, um sich und ihre Familien extra Nahrungsmittel zu verschaffen.

In dieser Zeit verloren viele Menschen in den Ghettos ihr Leben und die Zahl vermehrte sich. Aufgrund der zunehmenden Transporte von Juden in den Osten und dem Anstieg der Zahl in den Ghettos kam es zu Massentötungen von Juden. Hauptverantwortlich hierfür war in Kaunas der SS-Standartenführer Karl Jäger, der Führer des Einsatzkommandos in Litauen war. Auf seine Befehle hin wurden unzählige Juden umgebracht, darunter Frauen und Kinder. Von 60.000 jüdischen Kindern haben nur 350 überlebt. Abba Naor war einer von ihnen. Er fragt sich bis heute: „Was war das für ein Mensch?“, „Wie konnte er das tun?“. Es gibt einen Bericht, in dem handschriftlich festgehalten wurde, wie viele Juden er bereits umgebracht hat. „Ob seine Hand dabei gezittert hat?“ Abba Naor denkt das nicht. Manchmal wurden kleine Kinder auch lebendig in die Leichengruben geworfen. Hunger und Angst waren ständige Begleiter im Ghetto. Für Extranahrung konnten die Juden für die Machthaber Musik machen, wie auch Abba Naor, der für die SS singen musste, wie er es in seinem Buch "Ich sang für die SS" festhielt.

Nach der Schließung des Ghettos kam Abba Naor mit seiner Familie in das Konzentrationslager Stutthof, wo die Familie erstmals getrennt wurde und er Schikanen, Entmenschlichung und Erniedrigung erfahren musste. Seine Mutter und seinen kleiner Bruder sah er durch den Zaun zum letzten Mal, bevor sie nach Auschwitz gebracht und umgebracht wurden. Nach der Trennung von seinem Vater kam er in die Außenlager von Dachau, Utting und Kaufering. Die Bedingungen in den Lagern waren unerträglich und der Hunger unvorstellbar. Herr Naor wollte aber trotz allem nie sterben und hat auch nie an Selbstmord gedacht. Im Mai 1945 wurde er von den Amerikanern befreit und er fand später auch seinen Vater. Inzwischen hat er elf Urenkel und ist glücklich zu leben. Er sagt, dass das Leben schön und kostbar ist. Der schönste Moment für ihn war, als sein erster Sohn geboren wurde.

Während der dreistündigen Veranstaltung war es ungewöhnlich still in der Aula, was zeigt, dass die Schülerinnen und Schüler gespannt und konzentriert der erschütternden Geschichte von Abba Naor zugehört haben. Dass großes Interesse bestand, zeigten auch viele Fragen, die nach dem Vortrag gestellt werden konnten, und die Herr Naor mit Vergnügen beantwortete. "Hatten Sie auch gute Momente in dieser schweren Zeit gehabt? ", " Wie war es, das erste Mal ihre Geschichte vor einer Schule zu erzählen?", "Wie konnten Sie diese ganze Zeit durchhalten, ohne unterzugehen?". Er hat jede Frage offen und ehrlich beantwortet und wir konnten viel Neues dazulernen. Eine Frage stach jedoch besonders hervor, als ein Schüler wissen wollte, was Abba Naor zu den heutzutage immer noch bestehenden Vorurteilen zwischen Menschen denkt. Daraufhin macht er deutlich, dass es Ihn vor allem traurig macht zu hören, dass es heute immer noch Menschen gibt, die die Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus leugnen.

Genau aus diesem Grund erzählt Abba Naor immer wieder seine bewegende Geschichte. Er möchte erreichen, dass man die wahren Geschehnisse kennt, sodass dieses wichtige Kapitel in unserer Geschichte nie in Vergessenheit gerät. Herr Naor will aber auch seiner Familie gedenken, vor allem derer, die diese Verbrechen nicht überlebt haben. "Dadurch bleiben sie mir als meine alte Familie in Erinnerung und sind trotzdem immer noch ein Teil von mir."

Abba Naors Geschichte hat viele von uns zum Nachdenken angeregt. Nach diesem Vortrag wird einem bewusst, dass man wertschätzen und schützen sollte, was wir haben. Wir sind dankbar, diese Erfahrung gemacht zu haben, und hoffen, dass dies auch noch künftigen Jahrgangsstufen vergönnt sein wird.

Anja Brenninger, Theresa Gelic, Ronja Pradel, Lara Schilling (Klasse 9D)

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